Die Lehre & heilige Schriften der Hindus
Anders als beispielsweise der Koran sind die heiligen Schriften der Hindus nicht das Werk eines Mannes, sondern eine riesige Literatur, die ein Nebeneinander der verschiedensten Vorstellungen enthält. Sie sind alle im Sanskrit, der Kunstsprache Altindiens, abgefaßt. Es gibt zwei Gruppen von Werken: Shruti-Werke, die als Offenbarung und übermenschlichen Ursprungs gelten; und die von Menschen verfaßten Smitri-Werke, den Überlieferungen.
Als die heilige Offenbarng ist die Veda (heiliges Wissen) eine gewaltige Sammlung von Texten, die aus vier “Sanhitas”, Lieder- und Sprüchesammlungen, besteht:
1. Die Rigveda ist die eigentliche Veda, bestehend aus 1028 Opferhymnen, um die Götter herbeizurufen.
2. Die Samaveda, gesammelte Gesänge, mit welchen der Opfervorgang begleitet wird
3. Die Yajurveda, Sprüche, die beim Vollzug des Opfers gemurmelt werden
4. Die Atharvaveda, mit Zaubersprüchen
Zu jeder dieser vier Sanhitas gehören wiederum die Brahmanas (Opfertexte in Prosa mit Erklärungen der heiligen Handlungen) und die Mantras (Gebete, Lobsagungen). Zu den Brahmanas sind die Aranyakas und die Upanishaden (Geheimlehren) gefügt.
Zur heiligen Überlieferung gehören Sutras (Leitfäden) und Shastras (Lehrbücher) der verschiedensten Wissenschaften, die mit dem Kultus, dem religiös-sozialen Leben und der Erklärung der heiligen Texte zusammenhängen. Größtenteils sind sie erzählenden, nicht nur lehrhaften Inhaltes.
Zu diesen Smitri-Werken werden die zwei großen Epen gezählt. Das Mahabharata schildert die Kämpfe der Nachkommen des Königs Bharata. Unter diesem vom Weisen Vyasa geschriebenen Epos ist die Bhagavadgita (Gesang des Erhabenen) das bedeutendste Stück. In diesem philosophischen Lehrgedicht legt der Gott Krishna dem Helden Arjuna das Wesen von Gott, Welt und Seele dar. Der zweite Epos ist dasRamayana des Valmiki und behandelt die Lebensschicksale des Helden Rama und seine Kämpfe mit dem Dämonenkönig Ravana, der ihm seine Gattin geraubt hatte.
Neben den beiden Epen sind die dem Vyasa zugeschriebenen 18 Puranas (”alte Erzählungen”) die wichtigsten Quellen der Hindumythologie. Sie gehören zum Vishnu- und Shivakult.
Nach der Lehre der Puranas besteht ein Weltsystem aus einer Erdscheibe, unter der sich die Unterwelten und Höllen befinden. Über der Erde sind stockwerkartig die Oberwelten für die Götter gebaut. Diese Welt, von denen es unendlich viele gibt, ist von einer Hülle umgeben. Jedes Lebewesen ist aus einer rein geistigen Seele (jiva) und aus einem Körper aus Materie. Das Leben des Welterschaffer Brahma währt 100 Brahma-Jahre, was 311 040 000 000 000 Menschenjahren entspricht. Ein Brahma-Tag umfaßt 1000 große Weltenalter, von denen jedes in vier Weltenalter (yugas) unterteilt ist, und die 4 320 000 Menschenjahren entsprechen. Im Kritayuga herrscht Gerechtigkeit und Wahrheit, was in jedem folgenden Yuga immer abnimmt. Nach dem Treta und Dvapara kommt das Kaliyuga, in dem die schlechtesten Zustände herrschen. Dann wiederholt es sich mit dem Krita und entwickelt sich wieder abwärts. Wir befinden uns gegenwärtig am Anfang des Kali.
In allen Dingen und Wesen herrscht ein ewiges Gesetz (Dharma). Dieses Grundgesetz aller Dinge manifestiert sich als natürliche Ordnung. Dabei bewirkt es z.B., daß Flüsse abwärts fließen oder daß sich Pflanzen aus ihrem Samen entwickeln. Außerdem ist es die sittliche Ordnung, die das Einhalten der Kastenordnung erzwingt und rechten oder schlechten Taten den entsprechenden Lohn gibt, und stellt eine magisch-rituelle Ordnung dar, indem es die heiligen Handlungen und Opfer gebietet. Für viele Philosophen gilt das Dharma als das letzte, nicht weiter zurückführbare Weltprinzip, das über allem waltet. Wenn also Naturphilosophen des Yoga das Dasein eines ewigen Gottes (ishvara) annehmen, der nur die Weltordnung aufrechterhält, so ist er eigentlich doch nur der Vollstrecker des noch höheren Dharma.
Das Karma ist wirkt automatisch und erbarmungslos als Vergeltungsordnung, indem es Verdienste und Straffolgen früherer Daseinsformen in der nächsten Inkarnation (avatara) in Anrechnung bringt. Die Karmalehre besagt, daß jede in diesem Leben ausgeführte Handlung von moralischer Bedeutung das Schicksal des Lebewesens in seinem nächsten Leben entscheiden wird. Karma stellt also das Gesamtergebnis einer jeden Daseinsform im Kosmos. Dieses Karma ist eng an den Glaube der Seelenwanderung geknüpft.Das Rad der Sansara (Rad der Wiedergeburten) ist ein immer wiederkehrender Zyklus aus Geburt, Tod und Wiederverkörperung. Doch irgendwann soll dieser Kreislauf abgeschlossen sein und man erreicht Mukti oder Moksha. Diese Befreiung aus dem Kreislauf der Geburten kommt durch die Vereinigung der individuellen Seele, jiva, mit dem Brahma(n) (neutrum) zustande. Das Brahman ist die Bezeichnung für das All-Eine, das absolute Sein, das schöpferische Prinzip, die höchste Seele des Universum, in dem aller Ursprung ist und alles zurückkehrt. Die Zeichen OM versinnbildlichen das Brahman. Es gibt vier Wege zu Mukti:
·Karmayoga - der Weg der Taten         ·Jnanayoga - der Weg der Erkenntnis
·Bhaktiyoga - der Weg der Hingabe     ·Rajayoga - besondere rhythmischen Atemübungen
Im Hinduismus kennt man fast unendlich viele Gottheiten, angefangen von den bekannteseten und beliebtesten Göttern der Trimurti, bis zu Dorf- und Hausgottheiten, die doch alle nur “Abwandlungen” großer Gottheiten sind.
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